Pyotr Gorban (1923 - 1995)

Pyotr Gorban wurde im Jahre 1923 in Stavropol geboren, einer Stadt zwischen dem Kaspischen und dem Schwarzen Meer. Gorban interessierte sich erst für das Zeichnen und Malen nachdem er im Alter von 10 oder 11 Jahren in ein Künstleratelier ‚stolperte', wie er es nannte. Bald darauf wurde er Mitglied des Kunststudios des Volkshauses, was ihm, wie er sagte, Glück brachte. Sein Kunstlehrer begeisterte seine Schüler so sehr, dass die meisten seiner Studenten den Weg des Künstlers oder des Architekten einschlugen.

Nach sechs Jahren Militärdienst in der roten Armee, schrieb sich Gorban an der Kunstschule von Krasnodar in Kuban am Schwarzen Meer im südlichsten Teil Russlands ein, wo er auch abschloss. Danach arbeitete er am Kunstmuseum von Krasnodar wo er das erste Mal Werke der Avant-Garde der 20er Jahre sah, die dort Staub ansetzten. Sie beeindruckten ihn nicht sonderlich.

1947 wurde Gorban im Alter von 44 Jahren in die Vereinigung der Künstler Russlands aufgenommen.

1953 kehrte Gorban in seine Heimatstadt Stavropol zurück, um dort eine professionelle Laufbahn als Künstler aufzunehmen. Er verdiente sich seinen Lebensunterhalt mit Auftragsmalerei für Portaits der ‚Proletariatsführer' der Welt. So malte er auch Lenin und Stalin. Gorban meinte später, er habe seine künstlerische Kreativität mit der Massenmalerei und der Darstellung von Köpfen beinahe verloren, arbeitete er doch während vieler Jahre nach strikten Vorgaben des sowjetischen Ausstellungskomitees. Seine Werke wurden sehr oft in offiziellen Ausstellungen gezeigt.

Dann begann er Bilder zu aktuellen Themen auszustellen, so z.B. die ‚Gasarbeiter von Stavropol', fertiggestellt 1964 anlässlich der Feier zum Baubeginn der Stavropol Gaspipeline. Diese Werke wurden sowohl vom Publikum als auch vom Ausstellungskomitee gut aufgenommen und von da an stellte er seine Werke regelmässig in Regionalausstellungen aus.

In den späten 70-er Jahren befriedigte ihn seine sich immer wieder wiederholende Auftragsarbeit immer weniger und er war auch unzufrieden mit sich selbst. Dies führte dazu, dass er sich mit seinem eigenen Leben und dessen Sinn auseinandersetzte. Für ihn war dies ein künstlerischer Scheideweg, wurde ihm doch klar, dass er nicht mehr einfach irgendetwas malen wollte, sondern sich dazu inspiriert fühlte, fortan in Symbolen zu malen.

Gorban änderte seinen Stil radikal, nachdem er die Geschichte des Zweiten Weltkriegs nachgelesen hatte. Diese Verarbeitung der Geschichte inspirierte ihn auch zur Schaffung einer Serie, genannt Die fünf Pappeln. Der Künstler sagt, es sei dies das erste Mal gewesen, dass er die Natur auf eine solche Weise generalisierte, so dass deren Darstellung symbolische Klarheit gewann. ‚Die fünf Pappeln' wurden vom Fach- und allgemeinen Publikum sehr gut aufgenommen. Dies war der Beginn einer Serie zahlreicher Ausstellungen in den verschiedensten Städten des Landes, von Moskau bis St. Petersburg und Tiflis in Georgien.

Andere Werke von Gorban fangen Momente von Menschen jeden Alters und aller Berufsgattungen ein. Sie wiederspiegeln die unterschiedlichen Facetten der Welt und des Lebens. Sein Bild ‚Domino spielen' wurde sogar im Buch der Sowjetunion ‚Stillleben russischer Künstler' veröffentlicht. Gorban's Alltagsdarstellungen wurden zu seinem zweiten Ich und sind Sujets zahlreicher wunderschöner Darstellungen. Die offene Bewunderung für die Vorkommnisse des täglichen Lebens bedeuten jedoch nicht, dass er dieses idealisierte. In seinen Bildern findet sich auch das Thema der Einsamkeit, der Krankheit oder des Todes. Der Künstler stellt diese ‚Kosten des Lebens' aber auf so einfache und natürliche Art und Weise dar, dass sie die Gesamtharmonie nicht überschatten. Seine Alltagsszenen könnten überall und jederzeit stattfinden.

All die Bewunderung und seine ganze Ausrichtung auf das Wesentliche im Leben zeigt sich in der symbolischen Interpretation der Wirklichkeit. Diese tragisch-figurative Philosophie widersprach allerdings der Ideologie des sowjetisch-sozialistischen Realismus. Umso deutlicher sich sein individueller Stil herauskristallisierte, umso ausdrucksstärker wurden seine Werke. Dies hatte zur Folge, dass er immer mehr von der Teilnahme von Ausstellungen abgewiesen und von jener Seite isoliert wurde. In seiner zweiten Lebenshälfte waren es deshalb vor allem seine Studenten, die ihm folgten. Seine zunehmende künstlerische Isolation gereichte ihm aber schliesslich zum Vorteil und er wurde als das ‚inoffizielle Genie' bekannt.

Gorban's Bilder entstanden trotz ihrer Ausdrucksstärke und ihrer Symbolik mitten aus dem Leben heraus aus. In seinen Werken finden sich echt humanistische und universelle Werte wieder. Sie entstanden aus tiefer innerer Überzeugung und unmittelbarer Lebenserfahrung. Sie sind gekennzeichnet durch eine unglaubliche Ausdrucks- und Anziehungskraft.

In den 90-er Jahren begann Gorban mit der Arbeit an einem byblischen Zyklus. Er schuf jeden Tag eine Zeichnung zu einem biblischen Thema und hielt diese in Form eines Tagebuches fest. Jede Darstellung kommentierte er mit wörtlichen Zitaten aus dem Alten und Neuen Testament. Die Interpretation der Bibel stellt den Zenith seines Schaffens dar und entspricht gleichzeitig seiner Lebensphilosophie.

1992, kurz vor seinem 70. Geburtstag eröffnete er zum Anlass seines Geburtstages in Pyatigorsk die Ausstellung ‚Die Bibel in der Agenda von Peter Gorban'. Dieses grosse Werk umfasste ca. 150 Zeichnungen und deckt die gesamte Zeitspanne von der Geburt Christi bis zur Himmelfahrt ab. Der Künstler sah in der Bibel das ewig wiederkehrende Drama von Leid und Tod, von Hoffnung und Liebe. Besonders eindrucksvoll seine Darstellungen "Jesus", "Kain and Abel", "Die Flucht nach Ägypten", "Kreuzabnahme", "Elijah". Das zerstörte Tor nach Jerusalem erinnert schmerzhaft an heutige Realitäten. Ähnlich die im Rausch verruchten Einwohner der Stadt Nineveh.

Gorban stellt immer wieder dar, wie Gesellschaften zerfallen, begleitet vom tragischen Tod auch Unschuldiger, aber auch, wie der Mensch doch immer wieder zu seiner vollen Lebenskraft und Zuversicht zurückfindet. "Ich danke Dir so sehr, Bibel". "Ich wurde in die spirituelle Welt der Ewigkeit eingeführt". „Verschmelzung von Vorstellungskraft und künstlerischem Können! Es scheint fast, als sei der Künstler vom Spirituellen, Höheren, Ewigem berührt worden". "Eine äusserst interessante Ausstellung. Man beginnt über den Sinn des Lebens nachzudenken. Fast so etwas wie eine illustrierte Bibel." Dies waren Auszüge aus Kommentaren der Ausstellungsbesucher im damaligen Gästebuch.

Pyotr Gorban starb am 24. November 1995. Er hinterliess ein reiches Kulturerbe, das seinen Platz in der Geschichte der Russischen Kunst des 20. Jahrhunderts einnimmt.

 

Einzelausstellungen:

1993 Einzelausstellung am Museum für Regional Studien, Stavropol, Russland.

1992 Ausstellung seiner Werke aus den Serien "Die Bibel" in Stavropol and Pyatigorsk, Russland.

1989 Einzelausstellungen in Moskau, Ordzhonikidze, Makhachkala, and Stavropol, Russland.

1987 Einzelausstellung im Zentralgebäude der Künste, Moskau, Russland.

1986 Einzelausstellung beim Künstlerverein, Leningrad, Russland.

1984 Einzelausstellung im Hause der Künstler, Tiflis, Georgien, Russland.

1983 Einzelausstellungen in Tbilisi, Cherkessk, Nevinnomysk, and Donskoy, Russland.

 

Gruppenausstellungen:

1995 Teilnahme an der Ausstellung der Veteranenkünstler, genannt ‚Friede in der Heimat', zur Erinnerung an den 50. Jahrestag des Sieges des Zweiten Weltkriegs.

1974 Ausstellung einer Werksserie, genannt Hersteller von Förderbändern an der Regionalausstellung von Ordzhonikidze, Russland.

1973 Stillleben: Eine Ausstellung von Werken von Künstlern der Russischen Föderation, Moskau, Russland. Sein Werk Domino (1971) wurde im Buch von I.N Filonovich's veröffentlicht, Stillleben (Leningrad Artist of RSFR, 1975)

1972 Gezeigte Werke an der Ausstellung Erde und Volk im Gesamtrussischen Ausstellungszentrum, Moskau, Russland.

1967 Den Eisenwerkarbeitern gewidmete Serie, gezeigt an der Regionalausstellung von Krasnodar, Russland.

1964 Regionalausstellung der Stavropol Gasarbeiter, Russland.

 

Ausgewählte private und öffentliche Sammlungen:

Erarta Museum Galerien für zeitgenössische Kunst, St. Petersburg, Russland;

Regionalmuseum der Schönen Künste, Stavropol, Russland.

 

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